Montag, 24. Juni 2013
worum es geht: polit

Neues aus der Filterbubble
* Derzeit werden in dem Umfeld, das einige für linke Politik halten, große Worte geschwungen. Oder eben nicht.

Das Thema ist Rassismus, ein heftiger Anwurf, sollte man meinen. Bedauerlicherweise wird man von den Kritiker*innen nie erfahren, worin die "rassistischen Vorfälle" bestehen, denn sie dürfen nicht drüber sprechen. Alle anderen dürfen das auch nicht, denn darüber zu sprechen ist tabu. Es ist nicht erlaubt - auch nicht theoretisch und in einem akademischen Rahmen - darüber zu sprechen, wie man in einem deutschsprachigen Land nichtweiße Menschen nennt.

Es ist bedenklich, dass es mit der (derzeit favorisierten) Begrifflichkeit "People of Colour" ("POC") nicht mal mehr ein deutschsprachiges Wort für nichtweiße Menschen in der BRD geben soll. Das könnte man auch als sprachliche Segregation bezeichnen - allein schon die Trennung von "weiß" und "coloured". Historisch bedenklich und zudem ein rein akademischer Diskurs, der von gelebter Solidarität mit z.B. Flüchtlingen möglichst weit entfernt ist.

* Es wird eine semantische Hegemonie beansprucht, die neben der diesem Vorhaben innewohnenden Absurdität auch begriffsgeschichtlich mehr als unhaltbar ist.
Zum Glück stört das auf der eigenen Definitionsinsel meistens niemanden. Schlimm ist natürlich der Realitätscheck: Eine ganze Welt voller Menschen, die der eigenen Definitionsmacht nicht folgen wollen oder die Begrifflichkeiten (z.B. POC) nicht einmal kennen! Da, Rassismus! Diese Form des Rassismus wird zudem als gewaltvolle Erfahrung empfunden, gegen die man ebenso gewaltvoll angehen kann. Deswegen gehört "HALT'S MAUL!"-Schreien mittlerweile wohl zum Umgangston in politischen Diskussionen.

Hier handelt es sich um ein leicht asymmetrisches Kommunikationsverständnis, das offenbar davon ausgeht, dass gesellschaftliche Prozesse nicht durch Diskurs, sondern mindestens durch Missionierung befördert werden. Das kann man machen, muss aber auch damit leben, wenn man als Sekte bezeichnet wird.

Desweiteren ist es bedenklich, dass man sich auf dem Feld von Sprache und Kultur austobt, wenn man sich in den "harten" Feldern wie soziale Gerechtigkeit und dergleichen keinen Erfolg mehr verspricht.
Das ist ein enttäuschender Gesamtauftritt für eine radikale Linke, die offensichtlich mehr als das revolutionäre Subjekt verloren hat.

* Das Problem heißt Rassismus! Und zwar vieltausendfach: Grad mal zwanzig Jahre ist es her, als ein ausgesprochen deutscher Mob versucht hat, über hundert Menschen in Lichtenhagen zu verbrennen - eine kalkulierte Eskalation, die man politisch dafür benutzte, das Asylgesetz einzuschränken; gefolgt von einer langen Serie von (Brand)Anschlägen auf nichtweiße Menschen.
In diesem Land konnten in den letzten Jahren Nazis ungestört morden - und die Morde hießen lange genug "Dönermorde". Und in den Schlauchbooten verrecken Flüchtlinge vor den Toren der Festung Europa. Im größten Abschiebegefängnis Westeuropas in Büren (und all den anderen kleineren) sitzen Menschen mit dem schlimmen Verbrechen ein, dass ihnen ihr Land nicht mehr sicher genug war.
Es gibt genug zu tun jenseits von Lichterketten und Scheindiskussionen ohne jeden Erkenntnisgewinn.

Aber hier ist ja auch nur Feuilleton, man kann das ganze schließlich auch in einem Satz zusammenfassen.

Und wo wir gerade dabei sind, denke ich an die 300 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Libyen (dort plötzlich nicht mehr geduldete Gastarbeiter aus Schwarzafrika), die von Italien mit etwas Geld und einem Bahnticket nach Hamburg verschickt worden sind. Und jetzt irren die Menschen seit MONATEN ohne irgendwas durch die Stadt und habe draußen geschlafen, im Frost. Unverantwortlich! Der SPD-Senat hat also umgehend seine humanitäre Seite aktiviert um diesem Elend ein Ende zu setzen: Es werden einfach alle ohne weitere Prüfung abgeschoben.
Finden sie das beschämend? Ich schon.
(Klicken Sie ruhig auf den Link. Ja, das können Sie auch unterschreiben. Auch anonym. Ohne Anmeldung.)

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